„GayChurch Berlin“: Mehr als eine Kirche!

Die „GayChurch Berlin“ ist einzigartig. Einerseits sehr klassisch orientiert – aber auch zugleich, doch irgendwie völlig anders.

Dies merkt man gleich auf Anhieb, sobald man ihre Gottesdienste besucht.

Was genau macht aber diese Gemeinschaft derart anders als die anderen christlichen Gemeinden?

Der Ursprung innerlicher Prägung liegt in der DDR

Auch, wenn es die „GayChurch Berlin“ zu DDR-Zeiten noch gar nicht gab, sind ihre Gründer:innen – Wolfgang Beyer und Anette Detering – über diese Zeit bis heute stark geprägt. Selbst auch aus der DDR… Mehr wird in einer umfangreichen Webseite verraten, die ich – selbst auch Kernmitglied der christlichen Gemeinschaft „GayChurch Berlin“ (und, das Einzige der Mitglieder der „GayChurch Berlin“ aus dem Westen!) – für mehr öffentliche Sichtbarkeit der „GayChurch Berlin“ eingerichtet habe.

Dort steht unter anderem hierzu Folgendes geschrieben: „Wir stehen in der Tradition der unabhängigen Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR, die Anfang der 1980er in der Evangelischen Kirche entstanden ist.“

Die Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR, die durch ihren Widerstand gegen die SED-Diktatur indirekt auch mit das spätere Ende des DDR-Regimes mit eingeleitet hatte, ist heute größtenteils vergessen. Auf Grund dessen ist es den Aktivist:innen der „GayChurch Berlin“ wichtig, damalige Werte wie Widerstand gegen politische Entwicklungen zu pflegen – und, so auch heute noch zu erreichen, dass der damalige Geist des Engagements von einzelnen Mutigen und Unbeugsamen gegen das gesamte System (und jede staatlich organisierte Form der Diskriminierung durch die DDR) in Form von regelmäßigen Gottesdiensten und Aktionen weiterhin erhalten bleibt.

Heute eben übertragen auf die aktuellen Probleme in der neuen Zeit – die ebenso wie damals wieder Lösungen von Mutigen einfordern, die sich innerpolitisch sowie innergesellschaftlich zum Wohle von uns allen engagieren, vernetzen sowie durchsetzen wollen.

Die Kirche war Zentrum des Widerstands

Die Wurzeln der von Mitgliedern der „GayChurch Berlin“ sehr treffend beschriebenen „homosexuellen Emanzipation“ liegen in den damaligen Kirchengemeinden selbst. Sie alleine stellten in den 80er Jahren in der DDR ihre Räume zur Verfügung, um all jenen Schutz und Unterschlupf zu bieten, die sich über den Raum der Kirche öffentlich engagieren wollten.

Die christliche Gemeinschaft „GayChurch Berlin“ schreibt über die damalige Zeit Folgendes: „1982/83 sind Homosexuelle selber gegen eine antihomosexuelle Gesellschaftspolitik der kommunistischen Partei (SED) und der Regierung der DDR aufgestanden. Einzelne Gemeinden haben damals den Mut gehabt, daran zu glauben, dass Kirche ein Ort für Lesben und Schwule sein muss.“

Über die Kirchen fanden dann auch ganz gezielte Vernetzungen statt – mit dem Ziel, Veränderungen in der Gesellschaft anzustoßen: „In den dort entstandenen Homosexuellen-Arbeitskreisen wurden herrschende heteronormative Gesellschaftsstrukturen hinterfragt. So konnten Lesben und Schwule ihre Sexualität und ihr Anderssein nicht als „Mangel“, sondern als Gabe erleben und ihre Diskriminierung als ein zentrales Politikum verstehen. Es entstand eine DDR-weit vernetzte Widerstandsbewegung von homosexuellen Menschen gegen autoritär-heteronormative Strukturen in der DDR-Gesellschaft.“

Wahrheiten wurden gezielt in Frage gestellt

Systemische staatliche Strukturen von damals wurden aus der damaligen Bewegung heraus offen kritisiert. Weshalb ihre Anhänger:innen, die mit Friedens- sowie Menschenrechtsbewegung in der DDR ziemlich stark vernetzt waren, immer auch unter besonderer Beobachtung der Stasi standen… All dies geschah im Schutz der Kirche – die den radikalen Kräften Räume sowie Plattform bot.

Im Gegensatz zur sonstigen staatlich kontrollierten DDR-Zensur durch die SED konnte man im Schutz der Kirche seine Meinung offen äußern.

Die Gründungsmitglieder der „GayChurch Berlin“ formulieren das heute so: „Die unabhängige Lesben- und Schwulenbewegung in der DDR hat durch ihre Verortung in der Evangelischen Kirche auch die Kirche selber bewegt und theologische „Wahrheiten“ hinterfragt.“

Abgesehen davon bildete sich über die Kirchen eine Art von außerparlamentarischer Opposition: „Die Kirche ist durch diese alternativen Bewegungen und Gruppen entgegen ihrer zahlenmäßig geringen Mitgliederstärke zu dem Raum geworden, in dem die zentralen gesellschaftspolitischen Fragen diskutiert und offen ausgesprochen werden konnten. Nicht die Parteien oder andere öffentliche Organisationen waren dieser Ort in der DDR, sondern die Kirche.“

Selbstorganisation wird großgeschrieben

In der heutigen Zeit, wo queere Menschen zunehmend mit innergesellschaftlichem Rechtsruck in den Köpfen Vieler wieder zu kämpfen haben, ist ein solches innerpolitisches Engagement wie damals mit dem Wunsch nach mehr Veränderung nicht gerade ungefährlich. Trotzdem aber werden alle Anhänger:innen der „GayChurch Berlin“ niemals darin nachlassen, einen geschützten Raum für queere Sichtbarkeit zu bieten – in dem sich keiner irgendwie verstecken muss. So leben kann, wie er:sie sich jetzt gerade fühlt.

Obwohl sich diese christliche Gemeinschaft „GayChurch“ nennt, ist sie offen für alle. Jede:r kann in ihrem Rahmen selbstorganisiert mitarbeiten; sich in die Gemeinschaft dieser Mutigen mit einbringen.

Selbst einmal mutig sein.

2018 noch in Form von einzelnen Hausgottesdiensten gegründet, findet man die „GayChurch Berlin“ inzwischen in drei Kirchengemeinden – der Auferstehungskirche Berlin-Friedrichshain (evangelisch), der Hoffnungskirche Berlin-Pankow (evangelisch) und der Friedenskirche Berlin-Charlottenburg (Baptisten). Einen genauen Gottesdienstplan, wann wo welcher Gottesdienst ist, gibt es hier.

Externe Angebote sorgen für mehr Sichtbarkeit

Über die Anlaufstelle „GayChurch Berlin“ bildeten sich im Laufe der Zeit weitere externe Angebote aus, die ein wenig mit ihr vernetzt, aber doch auch eigenständig sind. Wie zum Beispiel der „Lesben Stammtisch“ auf dem Wochenmarkt Karl-August-Platz in Charlottenburg, der in der Regel jeden Samstag zwischen 11 und 12 Uhr stattfindet.

Die Organisatoren dieses Stammtischs für Frauen und Lesben aller Art haben sich mit ihrem eigenen gemütlichen Beisammensein an Stehtischen einer „Espresso-Bar“ (diese befindet sich immer an der Ecke Weimarer Straße/Pestalozzistraße) längst bereits fest etabliert. Aus dem regulären Treffpunkt für die Szene sind Freundschaften entstanden.

Abgesehen vom „Lesben Stammtisch“ stellt die „GayChurch Berlin“ aber auch noch ergänzend das Organisationsteam einer seit 2021 stattfindenden Demonstration – des „East Pride Berlin“. Diese Demo wird inzwischen von manchen Medien als neuer alternativer CSD Berlins – oder sogar, „Church-CSD“ – bezeichnet.

Was den „East Pride“ von herkömmlichen Pride-Demos unterscheidet, ist sein ganzheitlicher innergeschichtlicher Hintergrund. Denn der „East Pride“ will mit eigenen provokanten Mottos, die immer radikal in der widerständlichen Prägung liegen, auffallen sowie wachrütteln. Durch jeden DDR-Geist, der noch immer da ist, unbequem sein.

Queere Botschaft mit eigener Vision

Wie jede christliche Gemeinschaft verfolgt auch die „GayChurch Berlin“ eine eigene Vision: „Wir feiern Gottesdienste und wollen die Bibel dabei in ihrer befreienden Botschaft für alle Queers in der Welt verstehen lernen. Es sind alle Menschen, die Sehnsucht nach Gemeinschaft haben, ganz herzlich eingeladen!“

Auch das theologische Verständnis unterscheidet sich von jenem beider Hauptinstitutionen – Evangelische Kirche und Katholische Kirche – in ganz besonderer Weise: „Wir alle werden dazu erzogen, dass homosexuelle Gefühle oder Transidentitäten falsch, sündhaft und deshalb korrigierungsbedürftig seien. Wir sagen dagegen: Jesus ist nicht gekommen um diejenigen zu berufen, die in der Gesellschaft bestätigt werden, sondern diejenigen, die in ihr ausgegrenzt werden.“

Ebenso wird auch das Evangelium aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, der den etablierten kirchlichen Institutionen unbequem ist: „Das Evangelium ist die Kraft, die die Ursachen von Homophobie, Transphobie und Selbsthass offenlegen kann, eine Kraft, uns mit uns selbst und mit Gott zu versöhnen.“

In diesem Sinne wird auch immer zum Schluss jedes Gottesdienstes ein besonderes Kirchenlied gesungen, das ich selbst geschrieben sowie musikalisch auch vertont habe: „Herr befreie uns von der Angst, wenn wir lesbisch und schwul und trans durch das alltäglich Leben gehn und Gewalt in den Augen sehn“.

Dies ist, was die „GayChurch Berlin“ und ihre Mutigen innerlich antreibt. Und, sie derart einzigartig macht wie niemand sonst.

Weitere Informationen

Dieser Artikel basiert zum Teil auf Informationen aus der offiziellen Internetseite der „GayChurch Berlin“ – die ich (für diese Gemeinschaft) eingerichtet habe.

Alle Informationen wurden für die Webseite lebenslust-online.de umgeschrieben und inhaltlich angepasst.

Manche inhaltlichen Kernaussagen und Ergänzungen entstammen meinem eigenen Wissen, da ich selbst ein Kernmitglied der „GayChurch Berlin“ bin.

Über die „East Pride Berlin“-Demonstrationen war ich bereits als Speakerin tätig – und von 2022 an an ihrer Durchführung mit beteiligt. Als fester Bestandteil des „East Pride“-Organisationsteams.

Als transidente Lesbe wiederum bin ich hin und wieder auch beim „Lesben Stammtisch“ in Charlottenburg mit zu Gast.

Hinweis zum Foto oben: Gottesdienst der „GayChurch Berlin“ im Gemeindesaal der Friedenskirche Charlottenburg; Foto (C) Xenia Brühl, 2025.